Bioplastiksackerl

Bioplastiksackerl – Was steckt dahinter?

Heißhunger auf Birnen im Supermarkt bekommen, doch um ein gatschiges Desaster im Rucksack zu vermeiden, muss ein Obstsackerl her? Mich plagen da sofort die Gewissensbisse – „Diese Ressourcenverschwendung! Wärst du vorausschauender gewesen und hättest eine Jausenbox mitgenommen“, tadelt mich meine innere Stimme.

Birnen und Ökosackerl- Bioplastik, Bianca Köck, Umblick Blog

Kann ich mit den ökologisch anmutenden grünen Aufschriften und Blättersymbolen der neuen biologisch abbaubaren Sackerl mein schlechtes Gewissen vergessen? Und wenn ich das Sackerl einmal habe, wohin damit, wenn ich es zu Hause entsorgen will?

Aufbauend auf diesen Überlegungen produzierte ich Anfang Dezember ein Video zu diesem luftig-leichten neuen Kunststoffkumpanen, der doch ein so viel nachhaltigeres Image verspricht. Schnell waren die sechs bis acht Minuten Videovorgabe längst ausgereizt und so blieb ich zurück mit neuen Gedanken, Wissen, Antworten, die ich mit der Welt teilen wollte und nicht konnte. Aus diesem Grund versuche ich das Video hier mit diesem Blogpost zu komplementieren. Um keine redundanten Informationen zu liefern, bietet meine Verfilmung einen hoffentlich unterhaltsamen Einstieg in die Thematik!

Vorwegnehmen möchte ich, dass ich mich davor nicht wirklich mit dem Thema beschäftigt habe – ich arbeite zwar im Zuge meines Doktorats an der Quantifizierung von Umweltauswirkungen durch Ökobilanzen, bin aber weder Material- oder Kunststoffwissenschaftler*in noch Chemiker*in oder sonstiges in diesem Bereich.

Außerdem beziehe ich mich immer auf das gleiche, wenn ich die Worte Biosackerl/Bioobstsackerl/Knotenbeutel etc. hier verwende – die im Handel in der Obst- und Gemüseabteilung vorhandenen dünnen Sackerl, die durch folgende Logos als biologisch abbaubar gekennzeichnet sind:

Biologisch abbaubarer Kunststoff_ Logos: Compost Home, Compost Industrial, Seedling, Keimling. Fotografie von Bianca-Maria Köck
Bildquelle: Fotografie Bianca Köck

Die Supermärkte und ihre Biosackerl

Das schafft mir gleich einen Übergang zu dem jetzt gerade im Lockdown beliebtesten Ausflugsziel der Österreicher*innen – dem Supermarkt. Durch die Gänge der unterschiedlichen Märkte streifend, fällt eventuell auf, dass jeder seine eigenen Biosackerl hat – unterschiedlich bedruckt, kostenpflichtig oder nicht, aber immer gern als innovativ präsentiert. Wäre ja nicht so, als wären die früher üblichen Plastiksackerl seit 2020 österreichweit verboten.

Bioplastik Koordinatensystem NAWARO Erdöl biologisch abbaubar, Bianca Köck, Bioabbaubare Sackerl, Umblick Blog

Als ich mit den Recherchen für das Video begann, war ich der fixen Überzeugung, abbaubar heißt aus nachwachsenden Rohstoffen. Es hat länger gedauert, bis ich in meinen Kopf hineinbekommen habe, dass dem nicht so ist und so wurden mehrere Aussagen in meinem Drehbuch beim späteren Durchlesen wieder korrigiert.
Um das Koordinatensystem im Video kurz nochmal zusammenzufassen: Bioplastik kann bedeuten, dass der Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen (NAWARO) und biologisch abbaubar ist. Es kann aber auch heißen, dass er zwar aus NAWAROS, aber nicht biologisch abbaubar ist (z.B. typische Zigarettenfilter), oder dass der Kunststoff auf Erdölbasis ist, und trotzdem biologisch abbaubar. (🙀 geht es nur mir so?)

Ich finde das wird jedenfalls nicht wirklich kommuniziert. Spar bedruckt seine Sackerl zum Beispiel mit der Aufschrift „Auf Basis nachwachsender Rohstoffe“. Wie viele NAWAROs dann endgültig drinnen sind, könnt ihr gleich anhand dieser Tabelle sehen (oder nicht sehen):

Tabelle: Materialienmix der Bioabbaubaren Sackerl in österreichischen Supermärkten (Div. Quellen im Textverlauf darunter)

SupermarktNawaro- vs. ErdölbasiertAnteil NawaroMaterial Nawaro
REWEMix?Erdäpfelstärke
SparMix> 50 %Erdäpfel-, Mais- und andere Stärke
HoferMix40 %Erdäpfelstärke und anderes
LidlMix50 %?
EtsanMix?Maisstärkebasiert
MarktaNawaro100 %Kartoffel und/oder Maisstärke
Tegut (D, 2015)Mix85 %?

Laut dem Umweltbundesamt (2017) führen solche Blends (Mischung NAWARO & fossile Rohstoffe) jedoch zu einer schlechteren biologischen Abbaubarkeit zugunsten der verbesserten Produkteigenschaften. Auch wird in dem Bericht die Schwierigkeit der Unterscheidung und Behandlung dieser Produkte thematisiert.

Wer sich für das Thema mehr interessiert, hier folgt ein langwieriger Absatz über – Leid und Freuden bei den Supermarkt-Recherchen und Kundendienstbefragungen (gereiht nach Marktanteil in Österreich 2019):

Rewe – Merkur, Billa, Penny, Adeg, AGM

Merkur Rewe Bioabbaubares Obstsackerl Knotenbeutel, Foto Bianca Köck, Umblick Blog

Nach etwa 10 Minuten habe ich die Warteschlange beim Billa Kundenservice-Telefon verlassen, denn ich wurde im Internet bei dieser Pressemitteilung aus 2019 fündig, die mysteriöserweise trotz gestrigem Aufruf gerade eine Fehlermeldung anzeigt, auch wenn ich sie über die Suchmaschine suche – Ahnt Rewe etwas von meinem sicher viel geteilten Blogartikel.

Zusammenfassend stand dort, dass die Sackerl eine Mischung aus Erdäpfelstärke aus Industrieabfällen und erdölbasiertem kompostierbaren Kunststoff sind. „Mit dem nun erfolgten, finalen Schritt – der flächendeckenden Umstellung auf Öko-Sackerl – werden ab sofort 125 Mio. Plastik-Knotenbeutel pro Jahr eingespart, ein weiterer Meilenstein für „Raus aus Plastik“.“ (Merkt euch das, die Zahl verwenden wir später erneut).

Spar

Spar Bioabbaubares Obstsackerl Knotenbeutel, Foto Bianca Köck, Umblick Blog

Wenig lässt sich auf der Spar Homepage zu Nachhaltigkeit und Verpackung nachlesen oder auch im Nachhaltigkeitsbericht. Spars Nachhaltigkeitsabteilungsleiter, Herr Mag. Lukas Wiesmüller, antwortete auf meine Kundenanfrage, dass die Spar Bio-Sackerl für Obst und Gemüse zum „überwiegenden Teil“ aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. „Der TÜV zertifiziert unsere Sackerl als heimkompostierbar. Die Sackerl werden aus Stärke hergestellt, die unter anderem aus Kartoffel(abfällen) oder Mais gewonnen werden kann. Die konkrete Zusammensetzung variiert je nach Verfügbarkeit.“

Positiv anzumerken ist die kostenlose zur Verfügungstellung von Papiersackerl in der Obst- und Gemüseabteilung und das Angebot von Mehrwegnetzen. Negativ aufgefallen ist mir bei den Spar-Sackerl, wie bereits oben erwähnt, die irreführende Beschriftung auf dem Sackerl „Auf Basis nachwachsender Rohstoffe“. Auch betreibt der österreichische Spar Märkte in Österreich, Nordost-Italien, Ungarn, Slowenien und Kroatien. Im Nachhaltigkeitsbericht 2019 wird beim Thema bioabbaubare Obst- und Gemüsesackerl neben Österreich nur Kroatien erwähnt, und zwar mit folgendem Text: „In Kroatien ist die Gratis-Abgabe von Knotenbeuteln weiterhin erlaubt, am Ausgabeort werden Kunden durch SPAR auf die sparsame Verwendung hingewiesen. Als erster Händler Kroatiens hat SPAR 2019 heimkompostierbare Knotenbeutel verkauft. Bereits rund eine Million Bio-Knotenbeutel haben Kunden anstatt der herkömmlichen Knotenbeutel gekauft.“. Daraus lese ich, dass die nicht abbaubaren Sackerl, solange es erlaubt ist, weiterhin gratis sind, die abbaubaren jedoch daneben verkauft werden. Wieso eine selbstständige Umstellung vor gesetzlichen Maßnahmen dort auf 100 % abbaubare Sackerl oder Papiersackerl nicht angedacht wird, bleibt offen (oder eher nicht – €€€?).

Hofer

Hofer- Bioabbaubares Obstsackerl Knotenbeutel, Bioplastik, Foto Bianca Köck, Umblick Blog

Die Kreislaufsackerl von Hofer tragen das Ok Compost Home Logo und sind laut Kundenservice aus Bioplasst 400 D, was auf die Firma Biotec hindeutet. Sie bestehen laut Hofer zu 40 % aus Kartoffelstärke aus Abfällen der Lebensmittelverarbeitung, wie für Chips und Pommes Frites, und werden in Deutschland hergestellt. Laut Biotec-Homepage werden hierfür auch regionale Lieferanten verwendet, jedoch lässt sich im Produktblatt nachlesen, dass die 40 % nachwachsender Rohstoffanteil eine nicht genauer definierte Mischung aus natürlicher Kartoffelstärke und andere Polymere aus biologischem Anbau sind -> Da sollte Hofer wohl an seinem Wording arbeiten, wenn ich das so sagen darf.

Lidl

Lidl- Bioabbaubares Obstsackerl Knotenbeutel, Bioplastik, Foto Bianca Köck, Umblick Blog

Lidl war laut eigener Presseaussendung der erste Supermarkt in Österreich, der biologisch abbaubare Obst- und Gemüsesackerl flächendeckend ins Sortiment aufnahm. Auf der Nachhaltigkeitsseite von Lidl lässt sich leider nicht mehr über die Sackerl herausfinden, auch gibt es keinen Nachhaltigkeitsbericht nach 2017. Laut Kundenanfrage bestehen die Obst- und Gemüsesackerl zu 50 % aus nachwachsenden Rohstoffen. Welche nachwachsenden Rohstoffe verwendet werden, wurde leider nicht beantwortet.

Etsan

Etsan- Bioabbaubares Obstsackerl Knotenbeutel, Bioplastik, Foto Bianca

Der Mitarbeiter, mit dem ich bei Etsan Emailkontakt hatte, tut sich evtl. genauso schwer wie ich bei der Unterscheidung von Bioplastik. Nach der ersten Antwort mit „Die Obst- und Gemüsesackerl, die wir nutzen, sind alle zu 100 % aus nachwachsenden Rohstoffen und biologisch abbaubar“, bekomme ich bei Nachfrage sogar das Produktdatenblatt (danke sehr!).

Das Sackerl ist auch eine Mischung, und laut einem wissenschaftlichen Artikel von Sikora (et al. 2020) über diesen und andere Sackerltypen ist es maisstärkebasiert. Im Produktblatt konnte ich das leider nicht finden.

Resümee

Nach all diesen Antworten und ernüchternden Zahlen dachte ich mir, dass ein höherer Anteil von nachwachsenden Rohstoffen eventuell gar nicht möglich sei, aus Gründen der Festigkeit oder anderem?

Doch meine Recherche zeigt, dass dem nicht so ist. So gibt z.B. der deutsche Supermarkt Tegut in einer Presseaussendung 2015 an, dass ihre Obst- und Gemüsesackerl zu 85 % aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen und auch der österreichische digitale Bauernmarkt Markta antwortete auf meine Anfrage, dass ihre Sackerl zu 100 % aus nachwachsenden Rohstoffen wie Kartoffel- und/oder Maisstärke ohne jeden Zusatz von Plastik oder Erdölprodukten bestehen.


Die Siegel und die ÖNORM EN 13432

Das OK Compost Industrial Logo von TÜV Austria und das Keimling (Seedling)-Logo von European Bioplastic zertifizieren nach der ÖNORM EN 13432:2008, was bedeutet, dass die Sackerl in einer industriellen Kompostieranlage unter kontrollierten Bedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit und Zeitrahmen vollständig biologisch abbaubar sind. Nach sechs Monaten sollten sie zu 90 % biologisch abgebaut sein (ENU s.a. & European Bioplastic s.a.).

Ok Compost Home, Ok Compost Industrial & Seedling (Keimling): Voraussetzungen, Abbaubedingungen, Zeit, Zerfallsrate. Grafik: Bianca-Maria Köck, Umblick Umweltbildung & Umweltberatung
Abbildung: Dauer der biologischen Abbaubarkeit und Bedingungen je nach Siegel (eigene Darstellung nach Daten von ENU s.a., TÜV Austria 2019 & European Bioplastic s.a.)

„Die Temperatur in einem Gartenkomposthaufen ist deutlich niedriger und weniger konstant als in einer industriellen Kompostieranlage. Durch das OK Compost Home Logo ist eine vollständige biologische Abbaubarkeit im Gartenkompost garantiert.“ (ENU s.a.). Dies gilt jedoch nur bei Temperaturen im Kompost von 20-30 °C und verspricht dann einen 90 %igen biologischen Abbau nach zwölf Monaten.

-> Ob es in einem nicht so gut bewirtschafteten Komposthaufen so ist, bleibt noch Untersuchungsgegenstand im Misthaufen meiner Oma. Jedoch beschreibt auch das Umweltbundesamt (2017) die Gefahr, wenn die Bedingungen im Heimkompost oder in der industriellen Kompostieranlage (z.B. zu kurze Rottezyklen) nicht passen und keine vollständige Mineralisierung vonstatten geht. Durch das Austragen des Komposts in den Boden kann es zu einer Ansammlung von Mikrobestandteilen und Nanoplastik in der Erde und im Gewässer kommen. 

Siegel ok biodegradable Marine Water Soil TÜV Austria
Bildquelle TUV s.a.

Dem sollen vermutlich diese Siegel (Ok biodegradable Soil, Water und Marine)  des TÜV Austria (2019) entgegenwirken, die als Mindestanforderungen die OK Compost Home-Bedingungen erfüllen müssen. Was darüber hinaus je nach Umweltbedingung (Boden, Wasser, Meer) zu erfüllen ist, konnte ich nicht herausfinden.

Siegel Biobased TÜV Austria und DIN geprüft
Bildquelle: European Bioplastics 2016

Biobasierte Kunststoffe sind übrigens durch diese Logos erkennbar:

Es fällt auf, dass alle unsere gängigen Biosackerl auch diese Siegel tragen könnten und so die Zusammensetzung transparenter wäre. Würde ich mir als Konsumentin jedenfalls wünschen.

Was mir auffällt beim Lesen der ÖNORM

Laut ÖNORM EN 13432:2008 müssen bezogen auf die biologische Abbaubarkeit jedoch organische Bestandteile nicht berücksichtig werden, die einen Trockenmassenanteil von 1 % nicht übersteigen. Insgesamt ist so für max. 5 % des Sackerls kein Bioabbauversuch erforderlich. Für die restlichen Bestandteile muss für über 90 % die biologische Abbaubarkeit nachgewiesen werden. Auch der Leitfaden des TÜV Austria zu OK Compost home sieht vor: „Der Zusatz von Masterbatch in einer Konzentration von bis zu 5 % (Trockengewicht im Endprodukt), dessen einzige Funktion die Färbung des Materials oder Produkts ist und dessen Träger dem Produktmaterial chemisch ähnelt, erfordert keine zusätzliche Prüfung der Desintegration“ (TÜV Austria 2019).

abbaubarer Anteil laut Önorm ÖNORM EN 13432:2008 | Darstellung Bianca-Maria Köck, Umblick Forschungs- und Bildungsverein & Umblick Umweltmanagement
eigene Darstellung nach TÜV Austria 2019

Diese Ausnahmen führen, so nehme ich jedenfalls an, dazu, dass z.B. die Druckerfarbe der Sackerl nicht berücksichtigt wird. Ich war mir in Bezug auf die ganze Cradle to Cradle-Bewegung, die ich durch die Firma Gugler als sehr stark im Druckbereich wahrnehme, nicht ganz sicher, wie relevant das für die biologische Abbaubarkeit und die Auswirkungen für Boden, Wasser und Co. ist, fand aber Folgendes: Im Informationsmaterial Druckerfarbe des Verbands der deutschen Lack- und Druckfarbeindustrie wurden diverse Ökobilanzen angeschaut.  Hier steht: „Wenn der Anteil der Bedruckung an dem bedruckten Gegenstand über einem bestimmten Prozentsatz liegt, darf die verwendete Druckfarbe bestimmte Schwellenwerte für verschiedene Inhaltsstoffe nicht überschreiten.“ – Ergo wenn ich unter 1 % Trockenmasse bin, darf es diese nicht näher klassifizierten Schwellenwerte überschreiten?

Die Aussage da oben dahingestellt bedarf wohl weiterer Recherche, jedoch steht bezogen auf die Abbaubarkeit weiters dort: „Rückstände der Bedruckung, die nach dem biologischen Abbau übrig bleiben, sind inert und werden nicht als umweltschädlich angesehen“. Na wenigstens, aber es bedeutet halt auch, dass sie als solches in der Umwelt verbleiben und nicht in die natürlichen Kreisläufe integriert werden können!

Eine gute Nachricht noch, bevor ich das Thema Druckerfarbe, über das ich sicher noch viel schreiben könnte, abschließe: Es gibt auch schon Cradle to Cradle Offset- und Flexodruckdruckerfarbe, die z.B. von Mondi für Produkte der Marke Frosch verwendet wird (Den Artikel dazu von Dez. 2020 findet ihr hier). Vorteil ist anscheinend die bessere Recycelbarkeit. Das wird in den nächsten Jahren immer wichtiger, denn im Zuge der Kreislaufwirtschaft ist ja die Zielsetzung 55 % der Plastikverpackungen bis 2030 zu recyceln (s. z.B. hier). Ich hoffe wir sehen das also zukünftig bei mehr Produkten und auch bei Biosackerln 😉!


Doch was sind die Vorteile der Biosackerl?

Im vom BMLFUW in Auftrag gegebenen und 2015 veröffentlichten „Aktionsplan zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe“ werden vor allem die hervorragenden Materialeigenschaften, die besonders vorteilhaft für die Lagerung von Obst und Gemüse sind, hervorgehoben. Vor allem die feuchtigkeitsregulierende Eigenschaft sollte laut diesem Plan zukünftig beworben werden – Diese Marketingstrategie ist wohl an mir vorbeigegangen.

Schauen wir uns mal die Vorteile laut Biosackerl.at an, einer Seite des Kompost & Biogas Verbands Österreich.

  • Tragen zur sauberen Bioabfallsammlung bei: (Kann ich mir in Wien, wo ein weiter Weg zum Biomüll ist als praktisch vorstellen, wobei unten ein Ausschnitt der MA48 Seite kommt, wo davon abgeraten wird, dass Sackerl in den Biomüll zu leeren. Ich persönlich leer meinen Biomistkübel einfach im Biomüll aus, ohne Sackerl).
  • Die in den Sackerln aufbewahrten Lebensmittel bleiben länger frisch: Habe ich noch nicht getestet, aber denke, es gibt auch andere Traditionen der funktionierenden Nahrungsmittellagerung.
  • Die Mehrfachnutzung des Sackerl ist für die ökologische Sinnhaftigkeit wesentlich: zuerst einkaufen und heimtransportieren, dort frischhalten (Obst, Gemüse, Brot etc.) und anschließend Bioabfälle sammeln und sauber entsorgen“ (Biosackerl.at s.a.): Hört sich nicht wie ein Vorteil an, sondern eher, dass wir entlang des Lebenszyklus all das machen müssen, um ihm eine ökologische Sinnhaftigkeit zu geben. Wobei ich der Mehrfachnutzung von Verpackungen schon viel abgewinnen kann.
  • Bei unsachgemäßer Entsorgung verbleiben sie in der Natur nur einen Bruchteil verglichen mit herkömmlichen Kunststoffsackerln und reduzieren die langfristige Anreicherung von Mikrokunststoffpartikeln: Kann ich nachvollziehen, das habe ich auch immer als Vorteil gesehen. Ob das so stimmt, schauen wir uns im Kapitel Littering an.

Großer Beitrag zur Reduktion des Plastikmülls?

Erinnern wir uns kurz zurück an Rewe, die mit der Umstellung weg von Plastikobstsackerl in einer Pressemitteilung 2019 mit einer Einsparung von 125 Millionen Beutel pro Jahr rechneten. Rewe hatte im Jahr 2019 einen Marktanteil im österreichischen Einzelhandel von 34,1 % (Statista 2020). Wenn wir somit schätzen, dass der restliche Einzelhandel einen ähnlichen Plastiksackerl-Verbrauch aufweisen wird, spart sich Österreich jährlich um die 367 Millionen Plastikobstsackerl ein.

Im Internet fand ich viele Verkaufsseiten, wo stand, diese Knotenbeutel wiegen 2-3 g. Meine Waage gibt um die 3-5 g bei den meisten an. Mit der Annahme von 4 g würde der oben geschätzte Knotenbeutelverbrauch im Supermarkt somit bei ca. 1 468 000 kg (0,004 kg * 367 Mill) oder 1 468 t oder 1,4 kt liegen. Das sind, wie in der Plastik-Materialstromanalyse Österreichs ersichtlich, ca. 0,5 % des jährlichen Verpackungsmaterials (~ 280 kt/a) und ca. 0,11 % aller Plastikprodukte im Umlauf (~1100 kt/a + 290 kt/a Import – 140 kt/a Export).
(Credit für die Idee der Berechnung gebe ich an Herrn Prof. Helmut Rechberger, der in seiner VO Ressourcenmanagement zum Thema Einkaufssackerl ähnliches vorrechnete)

Mhm, ich würde mal behaupten, es gibt wohl andere Stellschrauben, wo wir den Plastikverbrauch in größeren Mengen reduzieren könnten.

Austrian National Plastic Flows MFA Österreich, Emile Van Eygena, Julia Feketitscha David Lanera, Helmut Rechbergerb, Johann Fellner
Abbildung: Van Eygen et al., 2017, modifiziert

Littering – Umweltverschmutzung

Auf der anderen Seite ist das „Littering-Potential“, also das Potential, wie stark ein Abfall unsere Umwelt verschmutzen/zumüllen kann, sehr hoch. Eine kurze Veranschaulichung: Am Coastal Cleanup Day wird in über 108 Ländern weltweit von Freiwilligen Abfall entlang von Küsten, Flussbetten und Ähnlichem gesammelt und in eine Liste eingetragen. Nehmen wir alle Zahlen weltweit der letzten fünf Jahren her, sind Einkaufssackerl aus Plastik auf Platz sechs mit über 3,5 Millionen Stück und andere Plastiksackerl auf Platz acht mit über 2,8 Millionen Stück.

Tabelle: Daten von weltweiten Strand- und Wasserwegsreinigungsaktionen zwischen 01.01.2016 & 22.01.2021 (OCean Conservancy s.a.)

 GegenstandTotalProzent
1Zigarettenstummel1766568819.31%
2Lebensmittelverpackungen (Süßigkeiten, Chips, etc.)1220780013.34%
3Getränkeflaschen (Kunststoff)82740529.04%
4Strohhalme, Rührstäbchen62365256.82%
5Flaschendeckel (Kunststoff)60041616.56%
6Einkaufstüten (Plastik)35867463.92%
7Gabeln, Messer, Löffel31925283.49%
8Andere Plastiksäcke28240433.09%
9Deckel (Kunststoff)28161303.08% 
10TakeAway-Boxen (Kunststoff)25436282.78%

Leider scheint in Österreich hier kaum wer mitzumachen, der Fünfjahresfilter ergibt als Top 1 Zigarettenstummel mit der Anzahl von 15 –  wohl kaum repräsentativ. Also ran ans Müllsammeln, liebe Leser*innen und Umblicker*innen. Hier findet ihr die Apps für die Müllerhebung ->

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Anhand von Messungen in der Donau erhob das Umweltbundesamt in einem Bericht aus dem Jahr 2015 jedoch, dass um die 40 Tonnen Mikroplastikmüll über die Donau das Land verlassen.

Littering - Umweltverschmutzung - Sackerl - BIoplastik - Foto Bianca Köck, Umblick Forschungs- und Bildungsverein & Umblick Umweltberatung
© Bianca Köck

Auch im neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft der Europäischen Kommission vom März 2020 wird das Thema Littering angesprochen, doch gerade in Bezug auf biologisch abbaubare und kompostierbare Kunststoffe steht: Hierfür sollen Politikrahmen entwickelt werden, die als „Grundlage einer Bewertung der Anwendungen, bei denen die Verwendung solcher Kunststoffe der Umwelt zuträglich sein kann, sowie der Kriterien für solche Anwendungen“ dienen. „Damit soll sichergestellt werden, dass die Kennzeichnung eines Produkts als „biologisch abbaubar“ oder „kompostierbar“ die Verbraucher nicht dazu verleitet, das Produkt so zu entsorgen, dass es wegen ungeeigneter Umweltbedingungen oder eines für den Abbau zu kurzen Zeitraums zur Vermüllung oder zur Verschmutzung durch Kunststoffe kommt“ (Europäische Kommission 2020).

Kennt ihr den Rebound-Effekt? Das erinnert mich daran. Ein Beispiel: Je energiesparender die Lampen 💡 werden, desto länger lassen die Menschen das Licht an. Auf die Sackerl umgemünzt: Je weniger Littering-Gefahr die Sackerl haben, desto mehr Sackerl gelangen in die Umwelt.

Gut, dass dieses Problem auch auf EU-Ebene bereits erkannt wurde. Denn selbst wenn ich es „fachgerecht” im Kompost entsorge, oder wie im Video vermeintlich richtig im Misthaufen, könnte das Sackerl durch zum Beispiel Umgraben des Misthaufens und Wind in die Umwelt gelangen.

Wie lange es dann in der „normalen“ Umwelt verbleibt?

Studie: Zerfall von Einkaufssackerl

(Napper & Thompson 2019)

Wissenschaftler*innen aus England veröffentlichten zu diesem Thema 2019 eine Studie, wo sie über drei Jahre unterschiedliche Einweg-Einkaufssackerl (also die Sackerl vorne bei der Kassa) in der Natur beobachten, genauer gesagt im Meer, im Boden vergraben und an der Luft. Neben biologisch abbaubaren, als kompostierbar gekennzeichneten und herkömmlichen Plastiksackerln untersuchten sie hier auch Sackerl mit der Kennzeichnung oxo-degradable. Diese Kunststoffe zerfallen zwar schnell, sind aber nicht biologisch abbaubar und sind somit als Mikroplastik (und evtl. Nanoplastik?) weiterhin in der Umwelt vorhanden. 2019 wurde aus diesem Grund eine EU-Richtlinie ausgegeben, die vorsieht, dass die EU-Mitgliedsstaaten bis Mitte 2021 Gesetzte zum Verbot dieser Kunststoffe in Kraft setzen. Aber zurück zu den Ergebnissen des Zersetzungsprozesses der verschiedenen Sackerl. Am besten ist ein Überblick in der rechten Abbildung ersichtlich:   Ein wenig schockierend finde ich, dass sich das übliche Polyethylen- und biologisch abbaubaren Sackerl, aber auch die kompostierbaren, bezogen auf die ursprüngliche Zugspannungs-Festigkeit der jeweiligen Sackerl, gering unterscheiden. Alle drei zerfallen recht schnell an der Luft (bei 18 Monaten ist kein Sackerl mehr vorhanden), sind aber in der Erde nach 27 Monaten noch vorhanden. Das kompostierbare Sackerl schneidet wenigstens im Wasser besser ab, nach drei Monaten war es im Meer zerfallen, wobei die Forscher*innen den Grad des Zerfalls (Makroplastik, Mikroplastik oder bereits biologisch abgebaut) nicht weiter untersuchten. Im Gegensatz dazu steht das als biologisch abbaubar gekennzeichnete Sackerl: Nach drei Jahren im Meer konnten sie damit faktisch noch einkaufen gehen (s. Foto).

Napper & Thompson 2019 Abbau/Zerfall von Sackerl in drei Jahren, Boden, Meer & Luft
Abbildung 3: Mittlere maximale Zugspannung von Kunststofftragetaschenproben, dargestellt als maximale Spannung vor dem Bruch (Mittelwert + S.D.) über einen Expositionszeitraum von 27 Monaten in vier verschiedenen Umgebungen (Kontrolle, Meer, Boden, Freiluft (Napper & Thompson 2019)

Das Ergebnis finde ich gerade in Bezug auf die Zerfallsrate von handelsüblichen Plastiksackerln im Meer erschreckend, denn diese zerfallen in einem ebenso kurzen Zeithorizont von 10 bis 20 Jahren (s. Safety4See 2018). Ich bin auf längere Studienergebnisse gespannt, ob der Zerfall von biokompostierbaren Sackerln Vorteile gegenüber den üblichen Plastiksackerln zeigt, aber wenigstens entsteht kein langanhaltendes Mikroplastik.  

Mehr über die nicht oder viel langsamere Abbaubarkeit in der natürlichen Umwelt tragen Haider et al. (2019) in ihren Review zusammen.

Dieses Thema habe ich in meinen Interviews für das Video auch kurz mit Professor Vasiliki-Maria Archodoulaki, Kunststoffwissenschaftlerin an der TU Wien und einem Vertreter des Kunststoffclusters NÖ diskutiert. Die Meinungen beider Expert*innen würde ich mal vorsichtig als unterschiedlich bezeichnen, was die Abschätzung möglicher Auswirkungen und etwaiger Vorteile von bioabbaubaren Kunststoffen auf Fauna und Flora betrifft. Wenn ich zu diesem Thema mehr recherchieren soll, schreibt es mir bitte in den Kommentaren.


Entsorgung

Beide haben jedoch hervorgehoben, dass wir Littering unterbinden müssen und die Sackerl nicht in den Komposthaufen kommen sollten, auch nicht in den meiner Oma ☹. Prof. Archodoulaki plädiert im Sinne der Kreislaufwirtschaft ♻ auf eine Entsorgung im „gelben Sack“, um die Sackerl zukünftig recyceln zu können, während der Vertreter des Kunststoffclusters sowie der Umweltdachverband NÖ eine Entsorgung über die Biomülltonne forcieren.

telefonat Bianca Köck_ Abfallberater Recherche

Diese Empfehlung scheint jedoch noch nicht sehr einheitlich in NÖ umgesetzt zu werden. Ich rief vier Abfallberater*innen in unterschiedlichen Bezirken an. Bei der Hälfte musste ich generell auf einen Rückruf oder Nachfrage bei Kolleg*innen warten, was wohl zeigt, dass die Frage nach der Entsorgung von Bioplastik-Sackerl nicht sehr häufig gestellt wird.

✆ Gemeinde A -> Restmüll, wenn ich das nicht will, in den Biomüll,

✆ Gemeinde B ->  Biomüll

✆ Gemeinde C -> Offiziell Biomüll, aber es wird eh aussortiert, deswegen kann ich es auch zum Plastik schmeißen oder wenn es sehr verschmutzt ist, soll ich es in den Restmüll geben

✆ Gemeinde D -> Biomüll (wobei laut Abfalltrenn-ABC Online Restmüll)

Leider gibt es in den Abfalltrenn-ABC oft nur Maisstärke-Einkaufssackerl, aber hier eine kleine Sammlung, was ich so finden konnte:

NÖ_EntsorgungMaisstärkeSackerl_TrennABC Online Recherche, Grafik Bianca Köck, Umblick Umweltbildung und Beratung
Abbildung: Entsorgung von Maisstärke-Sackerl in Niederösterreich laut TrennABCs (eigene Darstellung)
wien_Empfehlungen_Biosackerl_entsorgung_ Misttelefon, MA48, Grafik Köck Bianca, Umblick
Abbildung: Entsorgungsempfehlung in Wien Anhand MA48-Homepage und Misttelefon-Hotline (eigene Darstellung)

Ich wäre ja persönlich für eine bundesweit gleiche Abfallentsorgung, aber bin wirklich überrascht, dass es sogar in den jeweiligen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird.

Sogar in Wien waren meine zwei Quellen widersprüchlich. Während mir am Misttelefon empfohlen wurde, es am besten in den Biomüll zu bringen, steht auf der Seite der MA48, zu der das Misttelefon gehört, es nur wenn nicht anders möglich, dort zu entsorgen und am besten, selbst wenn Biomüll darin gesammelt wurde, diesen in die Biotonne zu leeren und das Sackerl im Restmüll zu entsorgen


Ökobilanz

Vorweggenommen – auch Ökobilanzen sind mit Vorsicht zu genießen – Annahmen, Systemgrenzen, Datenherkunft, das alles kann zu unterschiedlichen Schlüssen führen. Ich habe jetzt nicht allzu viel Zeit dafür aufwenden können (heute ist Redaktionsschluss 😉) und auch nur LCAs für Einkaufssackerl vorne bei der Kassa zum Transport des Einkaufs nach Hause gefunden, aber die erste, die ich mir angeschaut habe, da kann ich nur sagen – omg!

Abbildung: LCA (eigene Darstellung)

Edwards und Parker kamen in England 2012 zu dem Ergebnis:

😲 „Die konventionellen und oxo-biologisch abbaubaren Beutel hatten die geringsten Auswirkungen in 9 der 11 Wirkungskategorien verglichen mit den bioabbaubaren Sackerl“ (Symphony Environmental Ltd 2012, übersetzt mit DeepL). 

Zwei Minuten später ?Whaaat? -> Die Annahmen für bioabbaubare Sackerl sind z.B. der Transport von Maisstärke von Italien nach China zur Produktion ✈🚢.

Eine Minute später  ->  © “Symphony Environmental Technologies”. Erster Satz auf der Suchmaschine: “Symphony Environmental Technologies are world leaders in oxo-biodegradable (controlled-life) and anti-microbial plastic technologies”

Schönes Beispiel für „Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast“ — Bei LCAs gibt es viele Möglichkeiten das Ergebnis zu “manipulieren” und auch viel Diskussionsbedarf. Zum Beispiel ob der Anbau der nachwachsenden Rohstoffe für die Bioplastiksackerl Credits (Gutschreibungen) bekommt, da während des Anbaus CO2 in den Pflanzen gespeichert wird, oder nicht.

Falls das Thema „Interpretationshilfe LCA – kann ich dem Ergebnis trauen?“ interessant ist, kann ich hierzu gerne mal einen Artikel verfassen

LCA biodegradable Bag
LCA Sackerl (eigene Darstellung)

Nehmen wir doch lieber als Quelle einen Zusammentrag an LCAs zum Thema aus dem Jahr 2020 vom United Nations Environment Programme in Kooperation mit der Life Cycle Initative – hört sich ein wenig vertrauensvoller an…

Ein auf Stärke basierender (biologisch abbaubarer) Beutel hat in den überprüften Studien keine signifikanten Umweltvorteile im Vergleich zu konventionellen SUPBs, abgesehen von den reduzierten Auswirkungen des Litterings. Sie hat einen großen Einfluss auf das Klima, aufgrund der Produktion von fossil-basierten Co-Polyestern (COWI A/S und Universität Utrecht 2018) und weil angenommen wird, dass sie sie bei Deponierung unter Bildung von Methan abgebaut wird (vgl. Mattila et al. 2011)“ (United Nations Environment Programme 2020, Übersetzt mit DeepL).

Ökobilanz von Getränkeverpackungen

Interessierst du dich für auch für Ökobilanzen von verschiedenen Getränkeverpackungen (Mehrweg-Glas vs. Einweg-PET)? Dann könnte der Artikel von Thomas über Umweltauswirkungen von Getränkeflaschen genau das richtige für dich sein.

Unterschiede je nach Entsorgung

Deponierung, wie im Zitat oben erwähnt,  ist in Österreich jedoch nicht der Standard, deswegen werden wohl kaum Biosackerl von uns auf einer Deponie landen. Wenn sie in den Restmüll kommen, werden sie vermutlich in der Verbrennung landen. Hierzu schreibt das United Nations Environmental Programme in ihrem Bericht:

Wenn die Taschen aus Papier, Baumwolle oder rein biobasierten Kunststoffen hergestellt werden, kann die Verbrennung als klimaneutral angesehen werden. Beachten Sie, dass Stärke zwar biobasiert ist, aber stärkebasierte Beutel einen erheblichen Anteil an Co-Polyestern enthalten, die aus fossilen Ressourcen hergestellt werden. In Ländern mit Verbrennung und geringer Littering-Rate wird eine Umstellung auf rein biobasierte Kunststoffe wahrscheinlich die Klimaauswirkungen von Tüten reduzieren. Ein Umstieg auf Papier und Baumwolle könnte ebenfalls klimaschonend sein, je nachdem, wie die Materialien hergestellt werden und wie oft die Tüten verwendet werden“ (United Nations Environment Programme 2020, Übersetzt mit DeepL).

-> Also kein so gutes Urteil für die derzeitigen Mischsackerl – Nawaro und Erdöl. Bei österreichischen Verhältnissen wären rein biobasierte Kunststoffe oder Papier und Baumwolle evtl. klimaschonender.

Erinnern wir uns kurz zurück an den neuen Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft – 55 % der Kunststoffverpackungen sollen bis 2030 recycelt werden. Wie liest sich folgendes Zitat damit im Hinterkopf?

Abbaubare Plastiktüten passen nicht gut in Länder mit einem System für das Recycling von Plastiktüten. Die Studie von Environment Australia (2002) hob hervor, dass biologisch abbaubare Plastiktüten ein Problem in der derzeitigen Kunststofffolien-Recycling-Industrie darstellen könnten, vor allem aufgrund des Risikos, dass sie in Produkte aus recyceltem Material vorkommen könnten. Auch wenn biologisch abbaubares Material in den Strom für die Produktion von Bewässerungsrohren gelangt (die über 90 % recycelte Inhalte enthält), kann es dazu führen, dass sie sich zersetzen und ihre Anwendung während der Gebrauchsphase versagt.

Die untersuchten Ökobilanzen berücksichtigen solche Auswirkungen nicht. Wenn abbaubare Plastiktüten in einem Land mit Recycling von Plastiktüten noch verwendet werden, sollten sie so gestaltet sein, dass es leicht erkennbar ist, dass sie nicht recycelbar sind“ (United Nations Environment Programme 2020, übersetzt mit DeepL und danach verdeutscht).

-> Spannender Aspekt mit den Nachteilen des Recyclings, an die ich noch nicht gedacht hatte. Uh, also leicht erkennbar sind sie sicherlich nicht, deswegen haben ja auch Kompostanlagen ihre liebe Müh und Not, denn angeblich, wurde mir jedenfalls bei einem meiner Telefoninterviews gesagt, ist durch die kompostierbaren Sackerl auch die Menge an herkömmlichen Plastiksackerln im Biomüll gestiegen, denn die Leute differenzieren hier auch nicht genau. Das steht übrigens auch in einem Bericht des AK Steiermark von 2015.

-> Hier steht auch, dass die landesüblichen, oft landwirtschaftlichen Kompostierungen die Bedingungen für den Abbau nicht schaffen und diese deswegen und aus Gründen der Ununterscheidbarkeit mit anderen Fehlwürfen aussortiert und der thermischen Verwertung zugeführt werden. Laufer schreibt 2018 über ein Interview mit Ulrike Volk, Sprecherin der MA48, dass die Sackerl die Kompostqualität reduzieren und die Rückstände im Kompost „grauslich“ aussehen.

-> Aktuelle Daten wie die Kompostwerke damit umgehen, finde ich leider nicht – obgleich oder wegen der Führung des „Bündnis für das österreichische Bio-Kreislauf-Sackerl“ durch den Kompost & Biogas Verband Österreich?

Toxizität: Nicht erfasst in den von mir angeschauten Ökobilanzen sind neue Forschungsergebnisse von der Forschungsgruppe PlastX (Zimmermann et al. 2020), die feststellte, dass die meisten Biokunststoffe und Materialien auf Pflanzenbasis giftige Chemikalien enthalten und das Biokunststoffe genauso giftig sind wie die untersuchten konventionellen Plastikarten.


Abschließend

…fühle ich mich zwar schon klüger als vorher, doch es ist schwer eine generelle Empfehlung zu geben.

Aufbauend auf die wahrscheinlich bekannte Abfallpyramide werde ich wohl weiterhin gerade bei solchen Sachen wie den Biosackerl, die nun wirklich leicht vermeidbar sind (ich kleb das Etikett entweder direkt drauf, auf mein Baumwolleinkaufssackerl oder klebe es auf andere vorverpackte Produkte, die ich kaufe), versuchen möglichst keine zu kaufen und wenn sie doch ihren Weg zu mir nach Hause finden, die Frischhaltewirkung von ihnen ausgiebig testen.

abfallpyramide Abfallvermeidung Wiederverwendung Kreislaufwirtschaft Recycling | Bianca Köck, Umblick Umweltmanagement
          Abfallpyramide (eigene Darstellung)
Obstnetz Wiederverwendung Einkaufen | Foto Bianca Köck Umblick
© Bianca Köck

Solltet ihr übrigens jetzt an einen Umstieg auf Mehrwegnetze für Obst und Gemüse denken, was bei umweltfreundlicher und fairer Herstellung und bei jahrelanger Nutzung sicher eine gute Alternative ist und die Auswirkungen von Littering reduziert, kann ich euch raten möglichst selbst abzuwiegen, denn die Berücksichtigung des Gewichts dieser Sackerl bei der Kassa ist, wie 2020 beim österreichischen Konsumentenschutz zu lesen oder bei einem Test der Verbaucherschutzzentrale Baden Württenberg Ende 2019, noch nicht sehr einheitlich und bei zweiteren in 11 von 18 Fällen nachteilig für den*die Konsument*in. Vl wäre eine Normung der im Supermärkten erhältlichen Mehrwegsackerl spannend oder die Möglichkeit selbst abzuwiegen? Welche Lösung fällt euch da ein?



Quellen

1 Kommentar zu „Bioplastiksackerl – Was steckt dahinter?“

  1. Pingback: Einweg oder Mehrweg? Pfand oder Nicht-Pfand? – Was ist die nachhaltigere Lösung? | Der Umblick Blog

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