Nachhaltigkeit: vom Babyschuh zur Rente

inspirED | Nachhaltigkeit: vom Babyschuh zur Rente

Einer der Begegnungspunkte mit dem Thema Nachhaltigkeit entlang Yasmins Leben durften das Umblick-Team und ich sein, und zwar bei inspirED, einem Online-Event von Teach for Austria im April.

Yasmin, dass könnte das schüchterne Mädchen neben dir in der Volksschule sein, die Unbekannte, die gerade dem Bus nachhetzt oder auch die Nachbarin, die dir immer ein Vorbild war. Anhand dieser fiktiven Person wurde von unterschiedlichen Organisationen ihr Lebensweg erzählt, jeweils mit den Schnittpunkten, die Yasmin mit ihnen hätte haben können und die ihren Werdegang auf die ein oder andere Weise beeinflussten.

Eine Herausforderung für wohl alle Vortragenden, denn jede*r der Vortragenden bekam eine Lebensphase und kannte vorab nicht die Reden der anderen. So durften keine Annahmen für Yasmins Lebenszeit davor und danach gemacht werden. Angefangen mit einer poetischen Erzählung eines Teach For Austria Fellow aus dem Kindergarten, der Yasmin in diesen drei Jahren unterstütze, ihre Selbstwirksamkeit im Praktischen Tun und dem Umsetzen eigener Ideen zu fördern, durften wir bei Umblick Yasmin durch ihre Schulzeit begleiten und sie als Mitgestalterin unserer Workshopinhalte und -outputs an unterschiedlichste Themen- und Problemstellungen heranführen und ihre Lösungs- und Handlungskompetenz fördern.

Danach beschäftigte sich Yasmin mit timebite Solutions GmbH und Quinn, in der Studienzeit mit dem Thema Gerechtigkeit an der Uni. Nach dem Studium reiste sie mittels Carsharing mit carployee weiter ins Berufsleben und praktizierte nachhaltigen Konsum beim digitalen Bauernmarkt markta. Den schmackhaften Abschluss machte die Vollpension, wo die Pensionistin Yasmin Wiener*innen mit leckerem Kuchen aus ihrer Kindheit verzauberte.


Da meine Geschichte auch einige spannende Key-Facts über Umblicks Wurzeln und unsere Herangehensweisen in sich trägt, wollte ich sie in diesem Blog mit dir teilen:

Das erste Mal begegnete ich Yasmin, einem Mädchen mit großen braunen Augen und einem wachen Interesse an ihrer Umwelt, beim Elternabend an meiner Schule. Ich war Teach for Austria Fellow, stolze Lehrerin dreier Klassen und aufgeregt – Elternabende sind immer aufregend, weil unsicher ist, mit welcher Stimmung die Erziehungsberechtigten mir gegenübersitzen. Aber heute war ich es vor allem aufgrund meiner Schüler*innen, die den Tag nutzten, ihre ersten selbst hergestellten Produkte ihres Juniorunternehmens an die Leute zu bringen. Ein Juniorunternehmen, das sie in ihrer Freizeit betrieben, mit unzähligen Stunden an Produktfindung, Produktion, Marketing, Rechtsrecherchen – ja, ich kann manchmal als Lehrkraft sehr nervig sein, aber wenn schon, dann richtig, denk ich mir.

Als ich in einer meiner Pausen zu meinen Schüler*innen ging, saßen sie da – aufgereiht wie Perlen oder eher wie die Kugeln eines Newtonpendels –, danach lechzend den vorbeigehenden Erwachsenen die Vorteile ihrer Produkte und von Naturkosmetik näherzubringen, verunsichert von den laut hallenden und gestressten Schritten, der zur nächsten Schlange vor den jeweiligen Lehrkräften wartenden vorbeihastenden Erziehungsberechtigten. Wie ein Newtonpendel deswegen, weil durch vorbeigehende Erwachsene ein Energiestoß kam, wodurch eine*r der seitlich sitzenden Jugendlichen wie aus der Kanone geschossen aufsprang, ein Tablett in die Hand nahm und den Vorbeieilenden Naturkosmetik-Tester anpries. Mehr oder weniger den Weg versperrend. Ich kann euch aber verraten, die Vorteile für die Umwelt waren meist nicht das Verkaufsargument. Wie so oft im Leben war es die persönliche Bindung.

In dieser Pause, in der ich meine Schüler*innen besuchte, hatten sie gerade tatkräftige Unterstützung erhalten: Die kleine Schwester von Denis wollte helfen und las gerade andächtig und sehr konzentriert das Infoplakat über die Vorteile unserer innovativen Produkte.

Ich freue mich immer mit jüngeren Kindern in Austausch zu treten, deswegen war ich auch in der Bafep, der Schule für Elementarpädagog*innen. Sie schien schon in der zweiten oder dritten Volksschulklasse zu sein und ich stellte mich zu dem neugierig wirkenden Mädchen. Ich fragte, wie ihr unsere Produkte gefielen und Yasmin, so hieß sie, sagte strahlend, sie fände es megacool, wie Sachen hergestellt werden und sich aus so unterschiedlichen Zutaten, die sie zu Hause habe, so etwas Tolles machen ließe. Sie hätte mit Denis daheim auch ein Rezept getestet und mit ihm Wildkräuter für Versuche gesammelt.

Ich dachte mir in diesem Moment nicht viel dazu, aber wenn ich heute zurückdenke, sind es genau solche Erlebnisse, die mich dazu gebracht haben, nachdem ich nach Teach for Austria zurück in mein ursprüngliches Berufsfeld ging, doch nochmal die Notbremse zu ziehen und Umblick zu gründen. Eine Organisation mit der Mission Menschen zu ermutigen, selbst Verantwortung für ihre Umwelt zu übernehmen und darüber hinaus auch Dritten dieses Bewusstsein – nein, diese Handlungsfähigkeit – aufzuzeigen. Denn genau hier sind wir beim Knackpunkt der Umweltbildung. Seit Jahrzehnten werden wir von unterschiedlichsten Seiten damit konfrontiert. Wir müssen umweltfreundlicher leben, Müll trennen und nachhaltiger konsumieren. Wir wissen oft, was besser oder schlechter fürs Klima, den Boden oder die Bäume ist, doch unser innerer Schweinehund hält uns davon ab, auch so zu handeln. Doch wer ist dieser treue Begleiter und welche zusätzlichen Faktoren braucht es, um Lebensstile langfristig zu ändern?

Dem lieben Schweinehund, der uns in manchen Situationen ja auch sehr behilflich sein kann, z.B. beim Etablieren von Ritualen, in denen wir uns sicher fühlen und damit wir unsere Energie auf andere Dinge fokussieren, begegnete ich auch häufig im Rahmen meiner Tätigkeit an der Schule. Denn auch jedes „Ich kann das nicht“, „Ich werde in Mathe nie eine gute Note schreiben“ oder „Ich bin einfach zu blöd dazu“ waren kleine Schweinehunde auf der Schulter meiner Schüler*innen, die uns zuflüstern, in gewohnten Denkmustern und Selbstwahrnehmungen zu verharren. Und genau aus diesem Grund haben wir unsere Mission alsbald erweitert: „Wir ermutigen Menschen – nein, wir ermächtigen sie dazu – selbst Verantwortung für sich und ihre Umwelt zu übernehmen.“ Ein paar Monate später wurde das dann noch mit „Wir ermutigen Menschen und Organisationen…“ ergänzt, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir waren eine junge Organisation, hatten eine Mission und starteten euphorisch mit unseren ersten Projekten und Workshops, in denen wir Probleme, die wir sahen, angehen wollten, und die Mensch und Umwelt, so waren wir überzeugt, etwas bringen.

Zum Beispiel: Mir war aufgefallen, es war sogar regelrecht ein großer Schock für mich, dass meine Schüler*innen zwar Smartphones für alles Mögliche verwenden können, aber von für mich lebenswichtigen Apps keinen Tau hatten. Und da meine ich nicht nur, dass sie nicht effizient Google-Suchanfragen stellen und langsam den ganzen Satz eintippen „Was bedeutet XY?“, sondern dass sie auch null Plan hatten, wie man mit Karten- und Navigationsapps umgeht.

Es war für mich überraschend, dass  manche Schüler*innen keine Bewerbungsgespräche außerhalb ihrer Grätzl wahrnahmen, wenn nicht Erwachsene Zeit hatten sie hinzufahren. Ich als Kind aus einer Stadt mit wirklich schlechtem Bussystem, bin noch immer von Wiens hocheffizientem Öffisystem begeistert. Und da gibt es Kinder, die zwar in dieser Stadt aufgewachsen sind, aber ihren Bezirk nur für Schulausflüge verlassen, wodurch sie nie das Selbstvertrauen aufbauen konnten, dies alleine zu tun. Und die sich dadurch Zukunftschancen verbauen und damit stets in ihren bekannten Grenzen verweilen.

Und so startete ich das erste Bildungsprojekt, eine Schnitzeljagd in Kleingruppen, unterstützt von Seed und dem ÖAMTC, und zwar mit den ersten Klassen in Mittelschulen und Produktionsschulen, also mit Schüler*innen im Alter und die 13 und um die 18. Damals sammelte ich auch meine ersten Erfahrungen mit Wirkungsanalysen.

Schnell erweiterten sich unser Portfolio und unsere Projekte und wir wurden immer öfter von begeisterten Lehrkräften zu unterschiedlichen Themen in die gleichen Klassen eingeladen. Was natürlich der Jackpot für uns war, denn so konnten wir Kinder und Jugendliche länger begleiten, sie öfter mit Fragen und Gedanken konfrontieren, auch öfter ihr Feedback einholen und die Veränderungen in ihren Einstellungen und Verhalten tracken.

In einer dieser Klassen begegnete ich auch wieder Yasmin, sie war nun bereits in der Unterstufe. Ich unterhielt mich vor Stundenanfang kurz mit ihr, ich freue mich immer, alte Bekannte wieder zu treffen. Doch ihre einst so positive, wache Ausstrahlung war einem ernsteren Gesicht gewichen. Zwischen den Zeilen des typischen Chit-Chats konnte ich Sorge um ihre Zukunft aufgrund ihrer schlechten Schulleistungen in den MINT-Fächern heraushören.

Da traf es sich gut, dass wir mit dieser Klasse viel Praktisches arbeiteten, in Kooperation mit der Klassen- und Werklehrkraft bauten wir nicht nur Wurm-Komposter und Nistkästen, sondern auch Elektroautos und Windräder, um den Strom für diese herzustellen, begegneten der Umwelt auf der ganzen Welt mit eigens gebauten VR-Brillen, und kochten und backten aus unserem selbst gezogenen Gemüse und Wildkräutern Schmackhaftes in unserem neuen Solarofen.

Dann kam COVID-19. Eine Challenge für jede Organisation, für jede Bildungseinrichtung, sowieso für jede*n einzelne*n. Wir tasteten uns vor in neue Gebiete, stellten bereits am Dienstag, dem zweiten Lockdown-Tag, unser erstes Video auf die Plattform Jugend forscht digital und entwarfen neue Online-Konzepte mit dem Schwerpunkt, trotz digitalen Settings die Kids beim analogen Herstellen und Experimentieren zu unterstützen – denn „begreifen“ kommt noch immer von „greifen“.

Und ehrlich gesagt, es funktioniert ganz gut, und wir kommen so viel mehr in Kontakt mit der Familie, an Wochenenden haben wir jetzt immer Familienworkshops, und wir können mit Kindern und Jugendlichen auf der ganzen Welt arbeiten, z.B. mit der österreichischen Schule in Mexiko.

 

Wie es mit Yasmin weiterging?

Das werden wir entlang dieses Abends sicher noch erfahren, ich hoffe nur, dass wir ihr ein wenig zeigen konnten, dass sie sehr wohl eine MINT-Checkerin ist und dass sie zukünftig Freude und Vertrauen in sich hat, um Verantwortung für sich und die Umwelt übernehmen zu können.

Danke an Teach for Austria für die Einladung!

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